Keiner wusste mehr genau, wann es angefangen hatte... Irgendwann tauchten nach den Sommerferien die ersten Spekulatius – noch ganz verschämt – Im Supermarkt nebenan auf. Nicht lange danach standen im Sommer auf der Vespertheke beim Metzger Ostereier. Vereinzelt fragten Kinder, warum die Milch nicht lila wäre und wo die Bärenmarke herkäme, wo doch die Bären bei uns ausgestorben seien. Geistergewänder blieben nach Halloween gleich für die Fasnet im Laden hängen und die Gussformen für Nikoläuse und Osterhasen wurde verdächtig ähnlich.
Schmitti, der
Osterhase kannte die früheren Zeiten nur noch vom Hörensagen
– und er selber hatte ein ziemlich unerfreuliches Leben! Signora
Pronto, seine Ladenbesitzerin, hatte sich nämlich vorgenommen,
sich dieses Mal nicht vom Supermarkt vis à vis das Geschäft
vermasseln zu lassen.
Zuerst hatte sie daran gedacht, Osterläuse
zu bestellen. Die sehen vorne aus wie Osterhasen und hinten wie
Nikoläuse. Nach Weihnachten dreht man sie einfach um. Davon riet
ihr Samantha, ihre Tochter, jedoch dringend ab. Also sortierte
Signora Pronto zwei Reihen Nikoläuse in ihr Regal und gleich
dahinter schon die erste Reihe Osterhasen.
Besonders weitsichtige
Großtanten könnten sich dann schon während der
Weihnachtseinkäufe einen Osterhasen sichern. Und ein Tag nach
Heiligabend wäre Signora Pronto mühelos auf der Höhe
der Zeit.
Praktisch hieß das: Seit Oktober stand Schmitti
mit seinen Kollegen im regal. Immer mussten sie proper aussehen,
Haltung annehmen und freundlich gucken, aber kein Mensch
interessierte sich für sie. Irgendwann begannen sie, den
Weihnachtsmännern vor ihnen mit den Pfoten Hasenohren zu machen,
wie es unter Schülern beim Klassenfoto Brauch ist. Manchmal
kitzelten sie die Jungs auch, wenn Kunden vor ihrem Regal standen, so
dass diese seltsam verkniffen unter ihren roten Mützen hervor
schauten. Alles in allem war das fürs Geschäft nicht
förderlich, so dass eines Tages, als Signora Pronto vor den
Nikolausregal auftauchte und wütend Schmittis Nebenmann den Kopf
abbiss.
Zitternd vor Schreck fielen Hasen und Weihnachtsmänner
auf die Knie und gelobten Besserung. Und das hieß in diesem
Fall: Langeweile ohne Ende. Brav standen sie da, in Reih und Glied.
Tag für Tag. Doch irgendwann stach Schmitti wieder der Hafer.
Mittlerweile waren die Hasen schon in die zweite Reihe aufgerückt.
Flüsternd schlug Schmitti seinem Vordermann vor, die Kleider zu
tauschen. Dieser hatte auch keine bessere Idee und zwängte sich
in das Hasenkostüm. Schmitti war jetzt ein Weihnachtsmann und
wechselte in Reihe eins.
„Ich will den mit der dicken Mütze!“, schrie der kleine Benjamin, und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Die Mutter hatte zwar schon formschönere Weihnachtsmänner gesehen, aber was tut man nicht alles, damit das Kind still ist... Und was Schmitti auf dem Kopf trug, ähnelte ja ein kleines bisschen einer Mitra, wie sie der Bischof Nikolaus einmal getragen hatte. Nur dass – es steckten ja seine Ohren darunter – quer auf Schmittis Kopf saß.
Schmitti wanderte zuerst in den Einkaufskorb, dann auf den Ladentisch und zuletzt in eine große finstere Tasche. Benjamin war längst mit dem Überraschungsei beschäftigt und vergaß den Hasen – oder sollen wir sagen: den Weihnachtsmann?
Der Nikolausabend rückt näher. Schmitti hauste mittlerweile im Süßigkeitenlager oben im Kühlschrank, wo Benjamin nicht hinkam. Und er war sehr gespannt, was weiter geschehen würde. Schmitti vermisste zwar seine Kumpels aus dem Regal, aber zwischen den drei längst vergessenen Krokant-Eiern fühlte er sich schon fast wieder heimisch.
Benjamin war schon im Bett, als Schmitti aus seiner
Behausung geholt wurde. Bennis Mutter schaute ihn nochmal kurz und
ein wenig irritiert an, und stopfte ihn dann zwischen Mandarinen,
Nüssen und herrlich duftenden Lebkuchen in einen Gummistiefel.
„Na ja“, dachte sich Schmitti, „bin ja mal gespannt, wo das
noch endet.“ Es war so eng im Stiefel, dass Schmitti richtige
Dellen von den Walnüssen bekam. Aber irgendwie schlief er ein
und wachte erst wieder auf, als ein fröhlich schreiender
Benjamin den ganzen Stiefel in die Küche schleppte. Einen
Lebkuchen hatte er bereits zwischen den Zähnen. Schmitti wurde
es mulmig. Er ahnte, dass sein letztes Stündlein geschlagen
hatte.
Kaum stand der Stiefel neben Bennis Kakaotasse, zog er
Schmitti an den Ohren heraus und begann ihn auszuziehen. Schmittis
Ohren näherten sich bereits gefährlich Benjamins Zähnen
und er wimmerte erbärmlich, als Bennis Bewegung plötzlich
stockte: „Das ist ja ein Hase!“, schrie Benni empört. Und
als sein Vater die Sache genauer betrachtete, gab er ihm recht. „Das
ist ja der Hammer!“ sagte er. „Jetzt packen die schon die alten
Osterhasen einfach um...“ Und er sah besorgt auf das
Mindesthaltbarkeitsdatum von Schmitti, „Aber das stimmt ja dann
sowieso nicht“, schimpfte Bennis Mutter und nahm den Hasen an sich.
„Den bring ich zurück – die können was erleben!“
Schon
hoffte Schmitti, seine Freunde bald wieder zu sehen. Aber dazu kam es
nicht...
Benjamin machte ein solches Geschrei, dass seine Eltern ihm alle verfügbare Schokolade – selbst die drei Krokant-Eier – im Tausch gegen Schmitti anboten. Und Schmitti wurde zur weiteren Besänftigung des aufgebrachten Kindes zwischen Ochs und Esel in die ansonsten noch leere Krippe gestellt. Dort harrte er ergeben der Dinge, die da kommen mochten.
So kam es, dass die Krippe zum Ort der Rettung – auch für Schmitti, den Osterhasen – wurde. Und als Maria und Josef am Weihnachtsabend in der Krippe ankamen freuten sie sich sehr über diese hübsche Abwechslung.
P.S.: Und wenn Schmitti nicht doch noch in einem unbeobachteten Moment von Benjamin verzehrt worden wäre, stünde er noch heute da. Zwischen Ochs und Esel.
Quelle: Wernauer Adventskalender, Autor möglicherweise Tilman Kugler-Weigel